Skandinavien Wetter mag man oder eben nicht

Die Silja Europa legt ab. Von Helsinki nach Tallinn in Estland. Wir sitzen an Bord. Unser Wohnmobil „Zeus“ schaukelt im unteren Deck mit den anderen Autos fröhlich übers Wasser. Meine Tochter Matilda und ich sitzen oben auf dem 12. Deck und beobachten wie Helsinki immer kleiner wird und irgendwann ganz am Horizont verschwindet.

In was für ein verrücktes Abenteuer wir uns gestürzt haben. Noch vor einem Jahr saß ich in meiner Leipziger Kiez-Wohnung und habe überlegt wie ich es schaffe, ortsunabhängig zu arbeiten. Ich habe es mir so sehr gewünscht. Ich wollte nicht mehr für andere arbeiten und ihre Taschen füllen, während ich meine Lebenszeit in einem Hamsterrad verbringe. Tag ein Tag aus schimpfend und erschöpft. Das muss doch anders gehen. In den Monaten darauf habe ich allerhand Menschen kennen gelernt, die mir gezeigt haben, dass es eben auch anders geht. Ich fand sie so inspirierend, dass ich das mit der Welt teilen musste und interviewte sie. So entstand mein YouTube Kanal, der mir heute, ein Jahr später die Freiheit gibt zu reisen und gleichzeitig diese wundervollen Menschen kennen zu lernen.

Insel Römö

Und jetzt sind meine eigentlich schulpflichtige Tochter und ich bereits seit sechs Wochen unterwegs und lernen unseren Kontinent kennen. Flensburg war die letzte deutsche Stadt bevor es für uns nach Dänemark ging. Nur einen Tag vorher habe ich bei Instagram Bilder von der Insel Römö gesehen und spontan entschlossen: Das wird unser erster Halt sein.

Dieser nicht enden wollende Strand und die schönen Kiefernwälder. Oder waren es Pinien? Wir sind auf Wunsch meiner Tochter am nächsten Morgen ausgeritten mit Pferden von einem Gestüt nebenan. Wie lang saß ich nicht mehr auf einem Pferd? Das ist eine Ewigkeit her. Aber die Nähe zu diesen magischen Tieren fühlte sich für uns so unsagbar gut an. Ich liebe die Wärme, die sie einem geben und diese tiefe Verbundenheit, wenn man von ihnen getragen wird.

Über Kopenhagen und die Öresundbrücke fuhren wir nach Schweden, das den wärmsten Sommer seines Lebens feierte. Nie zuvor gab es so lange so heiße Tage. Unsere Stellplätze wählten wir daher immer an einem See. Und davon gibt es in Schweden jede Menge. Menschenleere, an denen man zu sich kommen konnte nach all diesen gefahrenen Kilometern ebenso wie überfüllte und laute Strände. Letzteres war nicht immer vorhersehbar. Es sei aber gesagt, die Schweden gehen noch weit nach dem „Zubettgehen“ mit ihren Kindern an den Strand um sich abzukühlen und stehen ebenso früh wieder auf, um am See zu frühstücken. Die Nächte waren also recht kurz zeitweise. Wir entschieden uns Schweden erst einmal zu verlassen und dem warmen Wetter den Rücken zu kehren. Es ging nach Norwegen.

Bei einer ausgewanderten deutschen Familie in der Nähe von Frederikstad machten wir ein paar Tage halt und Matilda konnte endlich wieder mit Kindern spielen. Ich liebe es unterwegs anzuhalten und Menschen zu besuchen. Es sind immer wahnsinnig tolle Erfahrungen, die man macht, wundervolle Gespräche, die man führt und kleine Einblicke ins Leben, die man bekommt.

Wasserfall in Hemsedal

400 Euro Bußgeld – Schluss mit lustig

Das Wetter wird immer kühler als wir von Oslo Richtung Bergen fahren und kurzzeitig bin ich genervt von Kälte und Nässe. Die Landschaft ist grandios, keine Frage. Aber bei 13 Grad und Regen, während alle in Deutschland über die Hitze jammern, macht es nicht wirklich Spaß. Und was auch keinen Spaß macht in Norwegen, ist geblitzt zu werden. Ich gebe zu, dass ich in Deutschland schon soviel Bußgelder bezahlt habe, dass man eine Straße nach mir benennen sollte, denn die habe ich definitiv damit bezahlt. Doch was mich hier erwartete, sprengte alle meine Vorstellungen! Ich fuhr statt der erlaubten 40 km/h (ich dachte es wären 50) 55 km/h. Ganze 15 zu schnell also. In Deutschland wäre ich wahrscheinlich 30 Euro los. Der nette deutsch sprechende Polizeibeamte übergab mir das Knöllchen -> 3800 Kronen. Ich kämpfte mit den Tränen. Ach was, ich brach in Tränen aus. 400 €? Ist das sein Ernst? Ja, war es. Ok, es nützt nichts, es war ja meine Schuld. Seitdem achte ich sowas von penibel auf meine Geschwindigkeit. Das soll nicht noch einmal meine Reisekasse und Stimmung angreifen.

Zurück zum Wetter, was immer noch regnerisch war. Das Dachfenster ist undicht und es tropft rein. Großartig! Ein weiterer Wasserschaden hätte mir jetzt noch gefehlt. Wir warten bis es trocken ist, holen Bitumen aus einem Baumarkt und schmieren es fett ums Fenster. So! Fertig! Es regnet nicht mehr rein.

Lebensmüde Ziegen

Auf dem Rückweg von Bergen, wo es im übrigen wunderschön und sonnig war (- geht doch!), machen wir noch Halt in Beitostolen, wieder bei einer deutschen Familie. Im Winter haben sie da manchmal sechs Monate am Stück Schnee und die Elche kommen bis zum Küchenfenster. Wir begleiten die Mutter der Familie zum Ziegenmelken in der Frühe. 71 Ziegen wollten geweckt, gekuschelt und gemolken werden. Danach ging es für sie auf die Alm. Den Weg dahin bestimmten sie selbst und so rannten dann 71 Ziegen und 5 Zicklein in einem Affentempo über die Landstraße. Vor einer Kurve blieb mir das Herz stehen. Wo wollen sie hin? Was ist wenn da jetzt ein Auto kommt? Oh nein, ich konnte nicht mehr hinschauen. Die Leitziege war viel weiter hinten. Das heißt nichts gutes. 70 Ziegen außer Rand und Band. Mir wurde schlecht. Wie durch ein Wunder kam eben kein Auto und die Ziegen wichen wenig später auf den Fahrradweg aus um dann auf die Alm zu verschwinden. Sowas könnt ihr doch nicht machen mit mir! Auf nüchternen Magen, ohne Kaffee!

Ich liebe Ziegenküsse

Zurück in Schweden machten wir noch einmal in der Nähe des schönen Vättersees halt. Dort sieht es aus wie am Gardasee. Oder im Dunkeln, mit den Lichtern der Stadt Jönköping, erinnerte es mich an Andalusien letztes Jahr. Ich wünschte ich wäre da. Sind das Luxusprobleme? Am See in Schweden zu stehen und traurig zu sein, dass es nicht das Mittelmeer in Andalusien ist? Manno, ich habe mir die Route doch selbst ausgesucht. Warum bin ich jetzt so ungeduldig? Warum kann ich diesen Moment hier denn nicht genießen? Es regnet ja nicht mal.

Auf dem Weg nach Stockholm treffe ich noch Peter in seinem blauen VW Bus und seiner Hündin Hilde im Land der Geschichten von Astrid Lindgren. Er lebt auch schon lange im Bus. Klar, dass ich mit ihm ein Interview machen muss für meinen Kanal. Wir haben einen tollen Stellplatz im Wald, am See. Es regnet. War klar, aber so richtig stört es mich heute nicht. Wir haben einen tollen Abend mit wunderbaren Gesprächen. Von Stockholm geht es mit der Fähre nach Finnland. 11 Stunden mit fast ausschließlich LKW Fahrern. Irgendwie fühle ich mich wie eine von ihnen. Schließlich sind wir auch täglich auf der Straße und schlafen in unserem Auto. Die Fähre nutzen wir gleich zum Duschen und Akkus laden – ist ja auch so ein Luxusding, wenn man in seinem Camper lebt. Wasser und Elektrizität sind Ressourcen mit den man haushalten lernen muss.

Naantali in Finnland

In Finnland verbringen wir drei ganze Tage – wahrscheinlich viel zu kurz für dieses Land. Aber ich bin etwas  skandinavienmüde mittlerweile. Von Helsinki aus, eine Stadt, die so ganz anders ist als der Rest von Skandinavien, legen wir ab. Und in wenigen Minuten erreichen wir schon Tallinn, die Hauptstadt Estlands. Ich bin gespannt was mich im Baltikum erwartet.