Kirstin vor ihrem Haus

Kirstin lebt in Europas ältester Hippiekommune

Frei und selbstbestimmt leben – das gehört wohl zu den größten Wünschen der Menschheit. Doch wer kann wirklich von sich behaupten, dass er das kann? Von irgendjemanden ist man doch immer abhängig. Irgendeiner ist doch immer der Spielverderber. Der Chef, der Nachbar, der Staat. So wirklich frei und autonom leben die Allerwenigsten.

In Kopenhagen gibt es seit mehr als 40 Jahren ein Hippiedorf. Es ist die älteste Hippekommune in Europa. Und sie ist komplett autonom – CHRISTIANIA. Von der dänischen Regierung wird der kleine eigene Staat eher geduldet als gemocht. Jährlich besuchen den Ort zahlreiche Touristen. Christiania ist etwas besonderes.

Kirsten (62) lebt seit 35 Jahren hier. Sie studierte damals Sozialanthropologie in Schottland und lebte auch da hin und wieder in Kommunen. Doch fragt man sie, warum sie unbedingt in solchen Gemeinschaften leben wollte, bekommt man nicht die Antwort, die man sich erhofft. Es ist nicht der Gedanke an „Friede, Liebe & Harmonie“ sondern eigentlich wollte Kirstin nur nie alleine sein. Sie lernte viel von diesen kreativen und sozialen Menschen mit denen sie zusammen lebte, sagt sie. Sie haben viel zu ihrer persönlichen Entwicklung beigetragen.

Als sie 1980 Christiania besuchte, lernte sie ihren ersten Mann kennen, er war Maler. Beide verliebten sich und Kirstin zog zu ihm. Sie bekam zwei Kinder mit ihm. Die Kommune hat einen eigenen Kindergarten, nur die Schule müssen die Kinder außerhalb besuchen. Man müsste das ehemalige Militärgelände eigentlich nicht wirklich verlassen, wenn man das nicht möchte. Es gibt eine Galerie, Kneipen und Restaurants mit überwiegend biologischem Essen, einen Bäcker und kleinere Läden.

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Nur eines unterscheidet das 34 Hektar große Dorf von anderen. Die Pusherstreet, dort werden, zwar nicht wirklich legal sondern eher durch die dänische Regierung geduldet, Drogen verkauft. Aber nur „weiche“ Drogen, wie Cannabis. Harte Drogen sind auch hier verboten. Aber wer sich hier als Tourist von den maskierten und ich muss ehrlich gestehen, mir angsteinflößenden Dealern, etwas kauft, darf sich außerhalb von Christiania nicht damit erwischen lassen. 3.000 Kronen, umgerechnet 400 € Bußgeld zahlt man, wenn man in Besitz von 10 Gramm Cannabis ist. Das war das einzige Mal, dass ich mich etwas unwohl fühlte, als wir die Pusherstreet entlang liefen. Fotografieren ist dort verboten. Kein Dealer will erkannt werden. Auch wenn Kirstin mir danach die Angst nehmen will, indem sie sagt, die wären alle sehr nett, mein Bauchgefühl sagte mir etwas anderes. Und auch die Vergangenheit hat bewiesen, dass sie so ungefährlich nicht sind. Eigentlich seit Beginn gab es immer mal wieder Probleme, wenn es um den Drogenhandel ging. 2005 wurde ein 26 Jähriger Einwohner von Christiania erschossen auf Grund von Bandenrivalität auf dem Cannabismarkt. 2009 wurde ein Café in der Kommune mit einer Handgranate beworfen. Dabei wurden fünf Menschen zum Teil schwer verletzt. Der Täter entkam unerkannt. Auch hier vermutet man einen Zusammenhang mit dem Drogenhandel. Und auch Kirstin musste 1984 für drei Monate flüchten, denn Bikergruppen terrorisierten den Ort und bedrohten das Leben der Menschen. Und so floh sie mit ihrem Mann und ihrem 3 jährigen Kind nach Marokko. Als sie wieder kamen, war der Bandenchef im Gefängnis und es kehrte wieder Ruhe ein.

IMG_8340Aber es gibt auch viele schöne Seiten an Christiania. Kirstin liebt die Vielfältigkeit, die es gibt. Verschiedene Kulturen und Menschen. Es ist eine leichte Reggae Kultur, vielleicht auch weil alle hier selbstverständlich Haschisch rauchen. Sie sieht die Kommune als eine Zusammenkunft von vielen Künstlern. Das macht es hier so einzigartig, sagt sie. Hier leben Menschen, die gerne malen, singen und tanzen. In letzter Zeit setzt sich immer mehr die afrikanische Kultur durch. Es gibt viele Tanzkurse hier, die von Afrikanern unterrichtet werden. Kirstins zweiter Mann ist ebenfalls ein afrikanischer Tanzlehrer. Sie heiratete 2004 erneut, nachdem ihr erster Mann drei Jahre zuvor an Krebs gestorben war.IMG_8339

Eine der bekanntesten Sachen, die aus Christiania kommen, sind zweifelsohne die „Christiania Bikes“, Fahrräder mit Kisten vorne dran. Bei uns in Deutschland, besonders in den Großstädten, sieht man sie auch immer mehr. Ein weiterer Beweis dafür, dass diese Kommune ein äußerst kreativer Ort ist. Hier ist ein kleines Video zur Entstehung der Fahrräder.

Christiania zieht nicht nur viele Touristen an, auch Einwohner aus Kopenhagen besuchen den Ort immer wieder gern. Denn kulturell wird hier einiges geboten. Es gibt regelmäßig Ausstellungen, Konzerte und Tanzabende. Aber auch einfach nur um einen Bio-Tee oder Kaffee zu trinken und einen veganen Kuchen zu essen, lohnt sich ein Ausflug in den unabhängigen Freistaat Kopenhagens, in dem es keine Polizei gibt. Wenn jemand Mist baut, kann das höchstens zum Ausschluss der Gemeinschaft führen. Und das will eigentlich keiner dort. Denn Wohnraum ist sehr gefragt in Christiania und mit rund 900 Menschen zur Zeit, ist es auch voll besetzt.

Comments: 2

  1. Steffi says:

    Sehr interessanter Beitrag. Ich kannte den Ort noch gar nicht und werde ihm sicher einmal einen Besuch abstatten

    • katja says:

      Das freut mich liebe Steffi. Danke dir.