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80 gesunde Bäume fallen „Verschönerung“ zum Opfer – Leipzig entgrünt radikal!

Als ich vor drei Jahren in den alternativen Leipziger Bezirk Connewitz zog, hatte ich unglaubliches Glück mit der Wohnung. Sehr zentrumsnah, schön geschnitten und die Aussicht vom Balkon „zum Niederknien“. Im Sommer fühlte man sich wie in einem Park. Alles war grün. Man hatte tatsächlich nicht das Gefühl in einer Großstadt zu leben. Ich sah kein einziges Haus gegenüber oder seitlich, nur wunderschöne große, alte Bäume. Die Sonne blinzelte durch die Äste, die Vögel liebten ihre Bäume. Jedes Jahr konnten wir zwei Taubenpärchen direkt vor unserem Balkon beobachten, wie sie ihren Nachwuchs großzogen. Abends sah man auch hin und wieder mal Fledermäuse. Diese süßen kleinen Vampire. Das Rauschen der Blätter im Wind oder das Wippen der Kronen beim Sommergewitter. Alles waren unglaublich schöne Momente. Ich saß oft im Sommer draußen. Ich schloß die Augen und lauschte der Natur. Ich fühlte mich geborgen und Zuhause.

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Vor zwei Jahren hat die Baugenossenschaft dann begonnen die „Lücken zu schließen“ und knallte uns zwei Blöcke vor die Nase. Dafür musste schon der eine oder andere gesunde Baum weichen. Nach einem Jahr Dauerbeschallung fand ich, dass die Blöcke rein optisch das Bild gar nicht so sehr verzerrten. Die neuen Nachbarn zogen ein. Einige noch als die Bäume mit sattem Grün protzten. Was müssen die sich gefreut haben. Eine parkähnliche Anlage mitten in der Stadt. Sie hielten sich für wahre Glückspilze. Denn der Wohnungsmarkt sieht sonst nicht sehr rosig aus.

Seit letzter Woche ist nichts mehr wie es war. Mit einer, für uns Anwohner, unvorstellbaren Ignoranz fielen 80 unserer 130 geliebten Bäume in kürzester Zeit einem Kettensägenmassaker zum Opfer. Fassungslos standen wir auf unseren Balkonen mit Tränen in den Augen. Gelähmt vor Wut. Eine Woche zuvor hatte jeder Mieter ein Schreiben im Briefkasten, dass es im Rahmen einer „Verschönerungsaktion des Innenhofes“ zu Baumfällarbeiten käme. Die Ausmaße wurden bewusst verschwiegen und auch die Benachrichtungen wurden bewusst kurz vorher erst verteilt. Wir hatten nicht den Hauch einer Chance zu reagieren.

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Susann Hecht, vom Umweltschutz Leipzig, zeigt sich ebenso schockiert. Man sage ja nichts dagegen alte, kranke Bäume abzuforsten, aber ein solcher Radikalschlag ist einfach nur traurig. Dem werde nachgegangen.

Mein Verständnis in einer Baugenossenschaftswohnung zu leben war folgendes: „Das Handeln der Genossenschaft muss sich stets an den Bedürfnissen und Interessen ihrer Mitglieder ausrichten“. Ich denke auch, dass das viele andere so sehen. Denn wir alle haben Anteile eingezahlt. Von Seiten der BG Leipzig kam nur das Statement: „Wie stellen Sie sich das vor, dass wir alle Anwohner befragen?“ Äh… Ja eigentlich schon! Denn wir sind es, die hier wohnen und wir sind es die dafür monatlich bezahlen. Wir alle haben uns diese Wohnungen ausgesucht, eben weil es so schön grün war. Wäre es zuviel gewesen, uns in die Entscheidung mit einzubeziehen?

Ich habe keinen einzigen Baum mehr vor dem Fenster, weder nach vorn noch nach hinten raus. Aber nicht nur mein Zuhause wurde zerstört. Auch und besonders das, der vielen Tauben, Singvögel und Fledermäuse, die sich hier ebenso wohl gefühlt haben. Ob ich sie nochmal wieder sehe? Ich glaube nicht. Nicht vor meinem Fenster.

Statt der vielen Bäume bekomme ich direkt vor meinen Balkon einen Abenteuerspielplatz und ach ja, das muss ich ja noch erwähnen, denn man darf natürlich keine Bäume grundlos fällen ohne eine „Ersatzbepflanzung“ vorzunehmen. Wir bekommen 100 neue Jungbäume! Juhuuuu! Mensch, das sind ja mehr als gefällt worden. Leider werde ich diese Bäume aus dem zweiten Stock wohl erst sehen, wenn ich selbst unter einem liege.

12745767_10208560397987888_7764936158149801486_nEin Gutes hat das Ganze dennoch. Man lernt jetzt endlich mal alle seine Nachbarn kennen, denn man kann ihnen ja quasi jetzt bis auf den Teller schauen und wenn man draußen steht und kopfschüttelnd das Ausmaß der Zerstörung betrachtet, kann man sich gegenseitig in den Arm nehmen und weinen. Geteiltes Leid ist halbes Leid.

Danke dafür!

Comments: 5

  1. To says:

    Arme Katja, ich habe die BG schon immer als massiv veruntreuende Egoisten kennengelernt – würde man bei einer Genossenschaft eigentlich nicht erwarten. Vielleicht muß man sich da mehr engagieren und den weniger freie Hand lassen. Ansonsten hilft nur Austreten – ich habs gemacht. Viel Glück bei der Wohnungssuche!

    • Danke dir. Ja ich werde definitv diese Wohung und die BG Leipzig verlassen.

  2. Chanti says:

    Danke Katja! Wir wohnen in der 44 und uns geht’s ganz genauso! Zum Kotzen!

    • Auch nach zwei Wochen kann ich mich an diesen Anblick nicht gewöhnen. Mir blutet jedesmal das Herz.

      • Anja says:

        der grausige anblick will sich einfach nicht abspeichern. jeden tag hofft man, das es doch nur ein schlechter traum war und da liegen sie nun wochen lang, die dicken gesunden bäume und warten auf ihre zerhexlung. in diesem moment futtert das taubenpärchen aus unserem blumenkasten, das vor tagen sein nest in der baumkrone vor unserem wohnzimmer fenster verloren hat, weil sie nicht wissen wohin :( wir wohnen in der 139, als wir das flugblatt gelesen hatten, waren wir geschockt und dachten, wir wären im falschen film!!! nein, bittere realität! wäre für diese chici mici anlage abgestimmt worden, hätten sich alle bewohner dagegen entschieden! denn wir lieben und schätzen den wilden park mit seinen grünen riesen hinter unserem küchenfenster! wir sind sehr traurig!!!